Heimat-und Geschichtsverein Offdilln e.V.
Heimat-und Geschichtsverein Offdilln e.V.

Der Hauberg im Wandel der Zeit

Harro Schäfer    Haubergslandschaft bei Offdilln

Einige Betrachtungen über unseren Niederwald

 

Im äußersten Nordwesten unseres Kreises findet man ein Bergland, das sich auf vielerlei Art von seinen Nachbargebieten unterscheidet. Hier an Dill, Dietzhölze und Roßbach wird noch eine Waldwirtschaft betrieben, die der Eingeweihte als Haubergswirtschaft kennt, jedoch dem Außenstehenden nur schwer zu erklären ist. Diese, aus uralter Zeit stammende Bewirtschaftungsform, übermittelt uns eine einmalige Struktur des Niederwaldes, der man sonst nur noch im angrenzenden Siegerland und im Daadener/Betzdorfer Raum begegnet.

Im alten Nassauer Land diesseits der Haincher Höhe wird in den Ortschaften Fellerdilln, Dillbrecht, Offdilln, Nieder- und Oberroßbach, Weidelbach, Rittershausen, Ewersbach – unterschieden in Bergebersbach und Straßebersbach - Steinbrücken, Mandeln und Eibelshausen nach wie vor der Hauberg bewirtschaftet. In diesen Gemeinden kommt jährlich ein schlagreifer Haubergsteil von unterschiedlicher Größe zum Abtrieb, der dann in den nachfolgenden Jahren - hervorgehend durch Stockausschlag - wieder heranwächst.
Das gesamte Haubergsgebiet unseres Raumes umfasst eine Fläche von etwa 3600 ha, wovon allerdings seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts ein großer Teil in Nadelwald umgewandelt wurde. Alle Haubergsbesitzer eines Dorfes - die Haubergsgenossen - sind in den örtlichen Haubergsgenossenschaften integriert und werden durch diese vertreten. War in früheren Jahren eine 18- bis 20-jährige Umtriebszeit die Regel - jede Gemeinde hatte ihren Haubergsbesitz in ebenso viele Schläge eingeteilt, für jedes Jahr also einen – so sieht die Sache heute etwas anders aus. Infolge geringer Nachfrage und geschwundenem Interesse an dem Haubergsholz fällt in den meisten Gemeinden die jährliche Abtriebsfläche erheblich kleiner aus als in früheren Jahren. So bedarf es für den bisher im 18- bis 20 jährigem Rhythmus vorgesehenen Abtrieb eines bestimmten Hauberges jetzt mehrerer Jahre, wodurch Anzahl und Alter der einzelnen Teile stetig steigt. In vielen Haubergsgemarkungen gibt es Haue, die um die dreißig Jahre zählen – Tendenz steigend. Um diese Überalterung, die auch dem notwendigen Stockausschlag sehr abträglich ist, abzuwenden, wird nach dauerhaften Lösungen gesucht, die diesem Zustand entgegensteuern und die Haubergsarbeit wieder attraktiver machen sollen. Vielleicht tragen ja die momentan recht hohen Heizölpreise mit dazu bei. Oft wird die Frage über Entstehungsgrund und Alter der Haubergswirtschaft gestellt, was sich aber beides nicht mit letzter Sicherheit beantworten lässt und daher zu recht unterschiedlichen Hypothesen führte. Vielleicht stimmt ja die recht ansprechende Meinung früherer Geschichtsforscher, nach der es sich hierbei um eine uralte, auf die altgermanische Wirtschaftsordnung zurückzuführende Einrichtung handeln würde, deren Ursprung in der gemeinschaftlichen Nutzung von Wald und Weide durch die Markgenossen zu suchen wäre.

Durch stetiges Anwachsen der Bevölkerung und den damit verbundenen Teilungen entwickelten sich mit der Zeit die ursprünglich großen Siedlungsmarken zu kleineren Marken, die schließlich unter den jeweiligen Markgenossen aufgeteilt wurden. Alle Genossen erhielten gleich große Anteile, allerdings nicht an einem Stück, sondern auf die einzelnen Berge verteilt – und die Geburtsstunde der Stammjähne hatte geschlagen. Die Zahl der Stammjähne, sie ist in den einzelnen Dörfern unterschiedlich und wohl auf die Anzahl der ursprünglich anteilsberechtigten Höfe in den betreffenden Dorfgemarkungen zurückzuführen, war bis vor einigen Jahren ausschlaggebend für die Einteilung des jährlichen Abtriebs. Mit größter Wahrscheinlichkeit ist auch anzunehmen, dass die Aufteilung der Hauberge in Eigenbesitz schon vor dem Erscheinen der später hier tonangebenden Adligen stattgefunden hat. Denn die seit altersher freie Verfügbarkeit der Haubergsleute über ihre Haubergsanteile, z. B. deren Weiterverkauf oder Weitervererbung, weist auf deren ältere Besitzrechte gegenüber dem später hier bestimmenden Adel hin. Ein Vorgang den man durchaus als Indiz für eine Besitzaufteilung des Haubergsraumes schon in vorfränkischer Zeit bewerten kann. Wie schon erwähnt, gibt es diesbezüglich recht unterschiedliche Anschauungen, und da keinerlei urkundliche Beweise aus jener Zeit vorliegen, sind die Anfänge mit absoluter Sicherheit nicht feststellbar. Man ist daher hauptsächlich auf archäologische Grabungen und den daraus gewonnenen Erkenntnissen angewiesen. Es dürfte aber zweifelsfrei feststehen, dass die Entstehung und Entwicklung der Haubergswirtschaft mit der frühen Eisengewinnung in unmittelbarem Zusammenhang steht - ja, dass man hier ihren Ursprung suchen muss – und somit auf das Engste mit der Siedlungsgeschichte unserer Landschaft verknüpft ist. Im Siegerland durchgeführte Untersuchungen von aus der La Tène-Zeit stammenden Holzkohlenresten haben ergeben, dass hier schon damals ein Eichen-Birken-Niederwald existierte, woraus man aber nicht automatisch auf die uns bekannte Form einer Haubergsnutzung schließen kann. In unserem Haubergsraum durchgeführte Analysen weisen dagegen einen 16- 20-jährigen Niederwald erst für das 13. Jahrhundert nach, was sich jedoch mit der geringeren Intensität der Untersuchungen im hiesigen Gebiet gegenüber dem Siegerländer Raum erklären ließe. Es wäre nämlich äußerst verwunderlich, wenn die Entstehung der Haubergsgebiete links und rechts der Haincher Höhe über 1000 Jahre auseinander läge. Dagegen ist es als wahrscheinlich anzusehen, dass deren beiderseitige Entwicklung, setzt man einen - ursprünglich zweifellos vorhandenen - wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenhang des heimischen und des Netpher Raumes voraus, zumindest parallel verlaufen ist.
Die Menschen, die von der La Tène-Zeit bis ins Mittelalter in unserem Gebiet lebten und das Eisen in ihren recht primitiven Schmelzöfen erzeugten – zuerst die Kelten in ihren Windöfen und dann ein paar hundert Jahre später die fränkischen Waldschmiede in ihren Rennfeuern – benötigten für diese Arbeit drei unentbehrliche Materialien – Lehm, Eisenstein und große Mengen Holz für die Holzkohlen. Da der größte Teil eines Schmelzofens aus Lehm bestand, musste davon genügend in der näheren Umgebung der künftigen Verhüttungsstelle vorhanden sein. Vermutlich hat man anfangs das zu schmelzende Eisenerz ebenfalls im Nahbereich der Öfen gefunden; später wurde es dann aus entfernteren Abbaugebieten – z. B. dem Schelderwald - zu den hier betriebenen Öfen transportiert. Dass der Eisenstein in das Haubergsland gebracht wurde, hatte einen ganz plausiblen Grund. Da man für einen Schmelzvorgang etwa die vierfache Gewichtsmenge an Kohle gegenüber dem zu schmelzenden Eisenerz benötigte, war dessen Anlieferung einfacher und billiger als umgekehrt der viel umfangreichere Transport von Holzkohle zu den Abbaustellen des Eisensteins.

Als Grundlage für die Eisenverhüttung im heimischen Raum wäre somit die vor Ort erzeugte Holzkohle zu nennen. Das hierzu benötigte Holz konnten die alten Köhler und Waldschmiede unmittelbar an ihren Fabrikationsstätten – den Schmelzöfen – fällen, wo sie es danach in kleinen Grubenmeilern - ca. 50 cm tiefe Erdlöcher, die etwa einen Kubikmeter Kohlholz fassten - zu Holzkohle verkohlten. Später - vermutlich im 13./14. Jahrhundert - als man die Schmelzöfen infolge verbesserter Technik, und daraus resultierender Steigerung der Füllmenge, an die Bachläufe der Talauen verlegte – wurde diese Methode der Kohleerzeugung von den größeren und damit ertragreicheren Platzmeilern abgelöst. An manchen Stellen in den heimatlichen Wäldern sind noch Relikte von diesen mittelalterlichen Eisenschmelzen anhand der Schlackenplätze nachzuweisen. Auch einige Flurnamen, die heutzutage immer mehr in Vergessenheit geraten, deuten auf diese alten Wirkungsstätten hin. Ebenso findet man überall im Gelände die alten Meilerplätze, wo unsere Vorfahren bis zur Aufgabe der Köhlerei gegen Ende des 19. Jahrhunderts ihre Holzkohle „brannten“. Seit Beginn des 15. Jahrhunderts erhalten wir durch Urkunden vermehrt Einblicke in die damals hier betriebene Haubergswirtschaft. Wir erfahren auch die Namen von Köhlern aus dem Dill- und Roßbachtal, die ihre Holzkohlen auf das Dillenburger Schloss und an die Eisenhütten im Dietzhölztal lieferten. Sie waren ja jetzt im direkten Haubergsraum nicht mehr vonnöten, da man die hier früher betriebenen Eisenschmelzen wegen der viel rentableren Eisenhütten aufgegeben hatte. Aus 1467 stammt der erste urkundliche Nachweis über die Existenz von Haubergen, rund hundert Jahre bevor die erste Haubergsordnung für unser Gebiet erlassen wurde. Dieses umfassende Waldgesetz trägt als Datum den 18. Januar 1562 und entstand unter dem Grafen Johann VI. von Nassau-Dillenburg (1536 bis 1606). Bis dahin hatte sich anscheinend noch keine gesetzgebende Instanz mit einer geordneten Haubergswirtschaft befasst, so dass jeder Haubergsbesitzer seinen Anteil nach eigenem Gutdünken bewirtschaftete. Mit diesem Erlass gelang es der Obrigkeit allerdings nicht, die seit ewigen Zeiten ausgeübten und für den Baumbewuchs nicht gerade günstigen Praktiken der seiner-zeitigen Bewirtschaftung zu verändern, denn außer zu Holzgewinnung wurden die Hauberge auch als Viehweide und zur Getreideaufzucht genutzt. Deshalb entstanden nachfolgend immer neue Verordnungen, die- die Haubergsnutzung regeln und in die gewünschten Bahnen lenken sollten. Die letzte – und noch heute gültige – Haubergsordnung entstand unter preußischer Herrschaft und trat am 4. Juni 1887 in Kraft. Jahrhunderte lang gehörte dem Hauberg eine herausragende wirtschaftliche Stellung in unserem Land. War es anfangs die schon erwähnte Holzkohle, die für die Eisenerzeugung unentbehrlich war, so wurden später von den Gerbereien ähnliche Anforderungen an die Haubergsbauern gestellt. Und zwar war hier die von den jungen Eichen gewonnene Eichenlohe das begehrte Produkt, welches unverzichtbar für die Gerbung von Tierhäuten war. In 1311 wird übrigens in einer Siegener Urkunde das erstmals auf die Eichenlohe hingewiesen. Gewinnung und Verkauf von Lohe waren bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts eine der wichtigsten Einnahmequellen für die Bewohner des gesamten Haubergsgebietes. Des weiteren besaß der Hauberg einen sehr hohen Stellenwert als Viehweide, denn bei unseren Altvorderen spielte der Viehbestand eine ganz wichtige ökonomische Rolle. Eine Viehhaltung in der damaligen Größenordnung wäre aber ohne die Haubergsbeweidung nicht möglich gewesen, da sowohl die Großvieh- wie auch die dörfliche Schafherde auf diese angewiesen war. Wie wichtig dieser Weidebetrieb für den Viehbestand der einzelnen Ortschaften war, lassen die vielen Streitigkeiten der benachbarten Haubergsdörfer untereinander erkennen, die wegen der Viehhute entstanden waren, und die uns anhand von alten Urkunden im Staatsarchiv Wiesbaden übermittelt werden. Die letzten Zwistigkeiten dieser Art, hier zwischen Offdilln und Oberroßbach, sowie zwischen Nieder- und Oberroßbach, konnten erst Anfang des 19. Jahrhunderts ausgeräumt werden. Eine ähnliche große Rolle kam dem jungen Hauberg als landwirtschaftliche Nutzfläche zu, denn ein sehr wichtiger Aspekt für eine ausreichende Ernährung unserer Vorfahren war die Behainung des frisch geschlagenen Haubergs mit „Haakorn“ (Hainkorn). Die Aussaat von Buchweizen -„Heidloff“ war sein im Land gebräuchlicher Name - hat dagegen, soweit es unsere Gegend anbelangt, nur eine geringe Bedeutung besessen. Vielleicht mag das im späten Mittelalter - erst seit dem 15. Jahrhundert ist die zu den Knöterichgewächsen gehörende Pflanze in Deutschland bekannt - anders gewesen sein, doch in den nachfolgenden Jahrhunderten fungierte der „Heidloff“ gewissermaßen nur als Lückenfüller. Das geschah hauptsächlich dann, wenn aus irgendeinem Grund die für die neue Aussaat zu treffenden Arbeiten nicht rechtzeitig abgeschlossen wurden und somit das im September vorgenommene Säen des Winterkornes unterbleiben musste. Dann wurde im nächsten Frühjahr anstatt des weniger ergiebigen Sommerroggens Buchweizen ausgesät. Eines muss man ganz klar herausstellen. Das Wohlergehen der heimischen Bevölkerung hing die ganzen Jahrhunderte hindurch, ja man kann sagen bis zum Beginn des vorletzten, in der Hauptsache von einem Funktionieren der Haubergswirtschaft ab. Es war untrennbar mit ihr zusammengewachsen. Die hier lebenden Kleinbauern, denen ihre dürftigen Äcker nur eine unzureichende Existenz bieten konnten, waren durch die aus der Haubergsarbeit resultierenden Erträge an Holzkohle und Eichenlohe sowie der Möglichkeit zur Fruchterzeugung und Beweidung auf Gedeih und Verderb mit ihrem Hauberg verbunden. Darum war auch der Arbeitsrhythmus dieser Leute während des ganzen Jahres auf diesen eingestellt. Und es war eine Menge Arbeit, die da geleistet werden musste. Angefangen von der Haubergsteilung im März, der Entfernung des dürren und geringen Holzes und dem Fällen aller Bäume, außer den Eichen - das Frühjahr war ausgefüllt mit Haubergsarbeit. Ende Mai, Anfang Juni ging es bei entsprechender Witterung ans Loheschälen, das gut und gern drei Wochen in Anspruch nahm. Nachdem dann die getrocknete und zu „Luhbeere“ gebündelte Lohe abgefahren war, musste das „weiße Holz“ - die geschälten Eichen – geschlagen werden. Nun erfolgte das Befahren von allem gefällten Holz; das Kohlholz an die Meilerplätze und das Brandholz zu den Wohnungen. Der nun „leere“ Hauberg wurde im August gehackt, Rasen und Reisig verbrannt, und im Frühherbst erfolgte die Einsaat des Haubergskornes. Dazwischen lag das Brennen der Holzkohle und deren Transport nach den jeweiligen Eisenhütten. Ebenso musste die Eichenlohe zu den Gerbereien gefahren werden. Das waren in der Regel die Betriebe in Haiger, wobei dann oft Kind und Kegel mitfuhren und das ganze – dank des Erlöses aus der Eichenlohe - zu einem kleinen Familienfest wurde.

Man kann den Hauberg jener Zeit als ein Bindeglied für alle damals wichtigen Wirtschaftszweige bezeichnen, denn seine Produkte wurden zur Grundlage für eine blühende Industrie im Nassauer Land. Es war ja nicht nur für Köhlerei und Eisenerzeugung, sondern auch für Gerbereien, Land- und Viehwirtschaft zur wichtigsten Institution geworden. Doch vieles sollte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts daran ändern. In den 1860er Jahren widerfuhr der Haubergswirtschaft eine derart dramatische Veränderung, die fast schon einer Katastrophe gleichkam und die Haubergsköhler vor unlösbare Probleme stellte. Mit dem in vielen Regionen erfolgten Eisenbahnbau - besondere Auswirkung hatte die 1862 erbaute Strecke Köln-Betzdorf-Gießen - war eine Verbindung zu den auswärtigen Steinkohlezechen hergestellt worden.

Dadurch erhielten die heimischen Hüttenwerke die Möglichkeit, von der Holzkohle auf die viel billigere Steinkohle auszuweichen; und dem Hauberg ging somit seine wichtigste Existenzgrundlage verloren. Aber das sollte nicht der einzige Schicksalsschlag in diesem Jahrhundert bleiben. So um 1890 zogen sich erneut dunkle Wolken über unserem Haubergsraum zusammen. Aus Argentinien wurde das Quebrachoholz eingeführt, das sich mit seinem Säuregehalt sehr gut zum Gerben eignete. Und da es vor allen Dingen viel billiger als die Eichenlohe war, war diese auf einmal nicht mehr gefragt. Eine weitere wichtige Einnahmequelle der Haubergsleute war damit trockengelegt worden. Es wurde zwar in den kommenden Jahren noch immer Eichenlohe verwendet, vor allem in Not- und Kriegszeiten, doch bei weitem nicht mehr in dem Umfang wie früher. Die letzte Lohe hat man, soweit es Offdilln betrifft, 1965 im Hauberg „hinter der Mühle“ geschält. Damals war aber nicht die Lohe das gefragte Objekt, sondern das beim Gartenmöbelbau benötigte Eichenschälholz. So blieb von der einst blühenden und gut funktionierenden Haubergswirtschaft mit ihren unterschiedlichen Wirtschaftsformen nicht mehr allzu viel übrig. Bis zum 2. Weltkrieg hat man die Behainung der Hauberge mit Haubergskorn beibehalten; sie wurde sogar in der Arbeitslosenzeit der 1920er und 30er Jahre stark intensiviert, dann aber gänzlich eingestellt. Lediglich direkt nach dem Krieg sind noch einmal, ganz individuell, kleinere Haubergsparzellen bei verschiedenen Dörfern mit Korn eingesät worden. Und noch etwas muss erwähnt werden, das in unsere Haubergslandschaft gehört wie Eiche und Birke: die Heidelbeere. Zwar wächst hier noch manch andere Waldbeerenart, doch reichte deren Stellenwertbei den Haubergsleuten aber bei weitem nicht an die Heidelbeere heran. Dieser auf dem kargen Haubergsboden hervorragend gedeihenden Pflanze mit den kleinen schwarzblauen Früchten –„Schworzebeer“ heißt sie darum auch in den meisten Dörfern – wollen wir hier einige Worte des Respektes und der Anerkennung widmen. Es ist heute kaum noch vorstellbar – vor allem für die in der Ära des Wirtschaftswunders Geborenen -welche Bedeutung diese kleinen Beeren in den vormaligen „schlechten Zeiten“für viele Dorfleute besaßen. Manch einem fleißigen Pflücker hat sie in den schlimmen Jahren der Inflation und Erwerbslosigkeit zwischen den beiden Weltkriegen – auch noch nach 1945 - über die Runden geholfen. In jenen Jahren war die Heidelbeere nicht nur bei den Einheimischen ein beliebtes und angesehenes Nahrungsmittel, sondern auch ein begehrtes Kaufobjekt von außerhalb. Bis in die späten 1950er Jahre kamen während der Heidelbeerernte jeden Abend Händler in die Dörfer, um die tagsüber gepflückten und jetzt feilgebotenen Beeren aufzukaufen. 7 bis 10 Pfennige wurden für das Pfund bezahlt, nicht gerade überwältigend, aber seinerzeit für die Dorfleute eine unentbehrliche Einnahme. Nach Aussage der Alten ist in jenen Zeiten größter wirtschaftlicher Not die Heidelbeerernte stets überdurchschnittlich gut ausgefallen, eine Tatsache, die man nicht nur freudig registrierte, sondern auch stets als Fügung Gottes und darum mit Dankbarkeit betrachtete. Die Zeiten, wo unser Hauberg der Garant für Lohn und Brot war und damit für ein relatives Wohlergehen der hier lebenden Menschen sorgte, sind seit vielen Jahrzehnten vorüber. Aus der früher so vielseitigen Haubergsnutzung ist nur noch die Holzgewinnung übrig geblieben, die übrigens in den Zeiten der florierenden einheimischen Gartenmöbelindustrie, soweit es das Eichenholz betraf, recht lukrativ war. Seitdem diese aber seit einigen Jahren stagniert, bzw. andere Holzarten verwendet, hat sich deren Bedarf an Haubergseichen enorm reduziert. Somit ist auch dieser finanziell recht gute Anreiz für die mühevolle Haubergsarbeit nur noch in geringem Maße vorhanden. Geblieben ist hauptsächlich die Nutzung für Brennholz. Vieles ist – notgedrungen - anders geworden im Hauberg. Auch der Beginn der jährlichen Haubergsarbeit hat sich verändert. Wurde früher, wie schon erwähnt, das Haubergsjahr mit der Teilung der „Haine“ im März eingeläutet, so hat man vor etwa vierzig Jahren – in Offdilln ab 1959 -diese Praktik geändert und die Haubergsteilung vom Frühjahr in den Oktober des vorherigen Jahres verlegt.

Eines hat sich aber auch nach vielen Jahrhunderten im Haubergsgebiet nicht geändert: die Schönheit dieser Landschaft. Obwohl manches von Menschenhänden verändert wurde und teilweise ganze Hauberge durch Bepflanzung mit anderen Baumarten regelrecht entstellt worden sind, hat sich unser Haubergsland sein charakteristisches, einmaliges Aussehen bis zum heutigen Tage zum großen Teil bewahren können. Zwar sind die alten Viehtriften mit ihrem Wacholder-, Heidekraut- und Arnikabewuchs nicht mehr vorhanden – sie wurden aufgeforstet - und auch die dort vom Vieh in Hunderten von Jahren getretenen „Päädchen“ sind verschwunden oder kaum noch erkennbar. Aber geblieben ist der jedes Jahr wiederkehrende Aspekt der frisch geschlagenen Hauberge mit den oft atemberaubenden Fernblicken, die uns diese nun vorübergehend baumfreien Haubergsteile ermöglichen. Geblieben ist auch eine mannigfaltige, artenreiche Haubergsflora und –Fauna mit oft sehr seltenen Exemplaren, deren weiteres Überleben in unserem aller Interesse liegen sollte. Wir können uns dafür einsetzen, dass diesen Haubergspflanzen und der mit ihnen im Einklang lebenden Tierwelt kein weiterer Lebensraum mehr entzogen wird, dass die noch vorhandenen wunderschönen und einzigartigen heimischen Landschaftsbilder für alle Zeiten erhalten bleiben und nicht durch andere Waldformen vernichtet werden. Hierbei mitzuwirken, und nicht jeder geplanten Veränderung der Haubergslandschaft kritiklos zuzustimmen, sollte ein Anliegen der gesamten Öffentlichkeit sein.

(Text: Harro Schäfer)

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